Friedensnobelpreis 1901: Henri Dunant — Frédéric Passy


Friedensnobelpreis 1901: Henri Dunant — Frédéric Passy
Friedensnobelpreis 1901: Henri Dunant — Frédéric Passy
 
Der Schweizer Henri Dunant wurde als Gründer des Roten Kreuzes ausgezeichnet, der Franzose Frédéric Passy als Pionier der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit.
 
 Biografien
 
Henri Dunant, * 8. 5. 1828 Genf, ✝30. 10. 1910 Heiden (Schweiz); 1858 Gründung einer Getreidemühlen-Gesellschaft, 1863 Gründer des Internationalen Roten Kreuzes, 1864 Initiator der Genfer Konvention.
 
Frédéric Passy, * 20. 5. 1822 Paris, ✝ 12. 6. 1912 Neuilly-sur-Seine; 1845-49 Beigeordneter im französischen Staatsrat, 1867 Gründer der Internationalen Liga für Frieden und Freiheit, 1872 Gründer der Französischen Gesellschaft der Friedensfreunde, 1881-89 Mitglied des Parlaments, 1889 Mitbegründer und Präsident der Interparlamentarischen Union für internationale Schiedsgerichtsbarkeit.
 
 Würdigung der preisgekrönten Leistung
 
Henri Dunant hatte 1862 ein Buch mit einem Schlag berühmt gemacht. Hinter dem harmlosen Titel »Eine Erinnerung an Solferino« verbarg sich ein erschütterndes Thema. Am 24. Juni 1859 hatte bei dem italienischen Ort Solferino eine blutige Schlacht stattgefunden. 40 000 Tote und unzählige Verwundete forderte diese Auseinandersetzung zwischen den Truppen Frankreichs und Sardiniens auf der einen und Österreichs auf der anderen Seite. Eher zufällig war der Geschäftsmann Dunant — er besaß eine Firma für Getreidemühlen — Augenzeuge des Gemetzels geworden. Das Elend der Verwundeten und Gefangenen änderte für Dunant alles. Künftig interessierten ihn weniger Mühlen als die Linderung der Leiden des Kriegs. Sein Buch mündete in einen leidenschaftlichen Appell an die zivilisierten Nationen, sich um die Opfer von Kriegen zu kümmern.
 
 Auswirkungen einer Publikation
 
Seine Anstrengungen blieben nicht ohne Erfolg. Schon ein Jahr nach Erscheinen des Buchs brachte Dunant in Genf die Vertreter von 16 Staaten an einen Tisch. Das Ergebnis waren die Genfer Konvention und die Gründung des »Roten Kreuzes«. In der Genfer Konvention bekannten sich 1864 zwölf Unterzeichnerstaaten zum Schutz von Verwundeten, Kriegsgefangenen und der Zivilbevölkerung in Kriegszeiten. Das »Rote Kreuz« sollte diese Beschlüsse in die Praxis umsetzen. Name und Symbol der neuen Organisation orientierten sich, in umgekehrter Anordnung, an den Farben der Flagge von Dunants Schweizer Heimatland (rotes Kreuz auf weißem Feld). Zahllose freiwillige und professionelle Helfer bemühten und bemühen sich seitdem um mehr Humanität auf den Kriegsschauplätzen der Welt. Neben der von Dunant begründeten Dachorganisation, die seit 1876 »Internationales Komitee vom Roten Kreuz« (IKRK) genannt wird, entstanden bald in vielen Staaten nationale Rot-Kreuz-Gesellschaften. Das IKRK wurde für seine humanitäre Arbeit gleich dreimal mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet: 1917, 1944 und 1963.
 
Während das »Rote Kreuz« stetig an Bedeutung gewann, stürzte sein Begründer in eine tiefe persönliche Krise. Dunants Firma machte 1867 bankrott, er selbst geriet in den Verdacht des Betrugs. Dessen ungeachtet setzte er zunächst seine humanitäre Tätigkeit fort, machte sich stark für mehr Rechte von Kriegsgefangenen, geißelte den Sklavenhandel in Afrika und im Nahen Osten und unterstützte die Bemühungen der europäischen Juden um eine Heimat in Palästina. Zunehmend isoliert zog er sich schließlich aus der Öffentlichkeit zurück und lebte — fast mittellos geworden — seit 1892 wie ein Eremit im Spital von Heiden (Schweiz). Hier entdeckte ihn 1895 ein Journalist, und mit schlechtem Gewissen erinnerte sich das internationale Publikum an den Begründer des »Roten Kreuzes«. Es war für Dunant eine späte Genugtuung und Würdigung seines Lebenswerks, dass ihm 1901, im Alter von 73 Jahren, fast 40 Jahre nach der Gründung des »Roten Kreuzes«, der erste Friedensnobelpreis zuerkannt wurde.
 
 Pionier der internationalen Friedensbewegung
 
Wollte Dunant den Opfern von Kriegen helfen, so galt das Interesse von Frédéric Passy, mit dem sich Dunant den Friedensnobelpreis von 1901 teilte, der Verhinderung von Kriegen. Passy stammte aus einer begüterten, politisch einflussreichen Pariser Familie. Nach einer kurzen Tätigkeit in französischen Staatsdiensten wurde er freier Wissenschaftler und Publizist. Bald widmete er sich in seinen Schriften und Reden dem Thema Krieg und Frieden. Dabei argumentierte er weniger moralisch als pragmatisch, indem er nachdrücklich auf die hohen Kosten hinwies, die Kriege verursachen. Dies musste seiner Auffassung nach die Regierenden dazu bewegen, Konflikte auf friedlichem Weg zu lösen.
 
Zum führenden Kopf der französischen Friedensbewegung wurde Passy während der Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und Preu-ßen. 1867 beeindruckte er das internationale Publikum mit einem offenen Brief in der Zeitung »Le Temps«, in dem er vehement ein Ende des Konflikts forderte. Tatsächlich wurde der Streit diplomatisch beigelegt. Die breite Zustimmung zu seiner Initiative nutzte Passy zur Gründung der »Internationalen Liga für Frieden und Freiheit«. Damit wurde Passy zum Pionier der internationalen Friedensbewegung. Einen Rückschlag bedeutete jedoch der Ausbruch des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71. Während der deutschen Besetzung von Paris wurde Passys Friedensliga aufgelöst. Doch Passy ließ sich nicht entmutigen. Schon 1872 gründete er eine Nachfolgeorganisation, die »Französische Gesellschaft der Friedensfreunde«.
 
 Gründer der Interparlamentarischen Union
 
Nach dem Sturz der französischen Monarchie kehrte der überzeugte Republikaner Passy in die Politik zurück. Seit 1881 war er Mitglied des französischen Parlaments. Auch in dieser Funktion setzte er sich intensiv für den Frieden ein. Dabei entwickelte er die Idee der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit als einem Instrument der Beilegung von Konflikten. Die Nationen sollten sich dazu verpflichten, Streitigkeiten nicht mit Waffen auszutragen, sondern sich der Entscheidung neutraler Instanzen zu unterwerfen. Einen Mitstreiter fand Passy in dem englischen Arbeiterführer und Gewerkschaftler William Cremer (Nobelpreis 1903). Gemeinsam mit ihm gründete Passy 1889 in Paris die »Interparlamentarische Union für internationale Schiedsgerichtsbarkeit«. In ihr versammelten sich Abgeordnete aus den Parlamenten vieler Staaten, um gemeinsam friedliche Lösungen für drohende kriegerische Auseinandersetzungen zu finden und überhaupt das gegenseitige Verständnis der internationalen Staatenwelt zu fördern. Passy wurde zum ersten Präsidenten dieser Organisation gewählt und behielt dieses Amt zehn Jahre. Seit 1905 trägt sie den verkürzten Namen »Interparlamentarische Union«, seit 1920 hat sie ihren ständigen Sitz in Genf.
 
H. Sonnabend

Universal-Lexikon. 2012.

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